#2
Auf einer kleinen Insel (eine Ruderstunde abseits der Hauptinsel)

"Dann bis Morgen, Miss Seyton", rief der Junge noch, während er auch schon sein Kanu ins Wasser schob und mit einem gekonnten Sprung über die schaukelnde Kante hinwegsetzte. Lächelnd winkte sie ihm hinterher und wartete, bis das mit bunten Federn und bemalten Müllresten geschmückte Heck seines Einbaums in die Schatten der Baklabäume eintauchte, welche das südliche Ende der Insel säumten. Dann wanderte ihr Blick zum Himmel, wo eine finstere, graue Wolkendecke Stück für Stück den sonnenwarmen Sommertag verdrängte. War der Sturm am Morgen noch nicht mehr als ein schwefelgelbes Glühen am Horizont gewesen, so knisterte die Luft inzwischen vor Spannung und der Wind trieb die Wellen höher und höher und brachte aus der Ferne das unheilvolle Grollen der kochenden See mit sich. Die Sturmwarnanlagen hatten bereits vor mehreren Stunden angeschlagen und nur wer einen Todeswunsch hegte – oder ein unwissender und ignoranter Fremder war – befand sich jetzt noch auf offenem Wasser. Die Einheimischen waren längst damit beschäftigt ihre Hütten und Häuser zu sichern und die Boote und Schiffe, Kanus und Kajaks doppelt und dreifach zu vertäuen. Auf der Hauptinsel traf man außerdem Sicherheitsvorkehrungen um den einzigen Raumhafen des Planeten gegen die tosenden Winde und orkanartigen Sturmböen, die mit beeindruckender Geschwindigkeit näher rasten, zu schützen.

Inzwischen war das Wasser, welches um ihre nackten Knöchel schwappte, trüb geworden und obwohl es noch immer verhältnismäßig warm war, fröstelte Raena. Seit über einem Jahr wohnte und lebte sie nun schon auf dem tropischen Archipelriesen, dessen Temperaturen unerträgliche 35 Grad bei 99 Prozent Luftfeuchtigkeit annehmen konnten und doch konnte sie sich nicht daran erinnern, dass ihr jemals wirklich warm geworden war. Was unter anderem auch den Medikamenten geschuldet war, die sie regelmäßig einnahm und die nicht unbedingt zu einer Stabilisierung ihres sowieso schon angeschlagenen Hormonhaushalts beitrugen. Rasch schlug sie den weichen Cashmereschal etwas enger um ihre Schultern und trat den Rückweg zu ihrer Hütte an, die etwas abseits des eigentlichen Dorfes auf Pfählen zwischen zwei Dünen thronte, in sicherer Höhe vor den sintflutartigen Wassermaßen, die während eines Sturms über die eher flachen Inseln schwappen konnten. Als sie die hölzerne Treppe hinaufeilte erinnerten die Stiegen sie mit einem hohlen Knirschen daran, dass sie schon seit einer ganzen Weile einer dringenden Renovierung bedurften. Gleiches taten ihr die Türangeln und die Regenrinne kund, die sie ein Stück nach oben schieben musste, um den Eingang überhaupt öffnen zu können. Es gab so vieles, was an ihrem Heim hätte repariert und erneuert werden müssen, aber sie besaß weder das nötige Knowhow (geschweige denn handwerkliches Talent) um selbst Hand anzulegen, noch das Geld jemanden dafür zu bezahlen. Manche der Einheimischen vergolten ihre medizinischen Dienste mit immateriellen Gegenleistungen, wodurch zum Beispiel immerhin die Instandhaltung der Stelzen jahraus, jahrein gewährleistet war, andere teilten ihre Erntevorräte mit ihr. Sofern man nicht allzu extravagante Lifestyleansprüche hatte, ließ es sich auf Kaal ganz angenehm leben – die gelegentlichen Stürme einmal außen vor gelassen.

Raena hatte es sich soeben mit einer Tasse Gewürztee und einem medizinischen Dossier in ihrem Schaukelstuhl gemütlich gemacht, dem ersten Regenschauer lauschend, der über die Insel hinwegrauschte, als jemand an der Tür klopfte. Zu gleichen Teilen verwundert, wie misstrauisch, zog Raena die Brauen zusammen. Unangekündigter Besuch, der sich bei diesem Wetter bis zu ihr durchschlug, konnte nichts Gutes bedeuten. Wahrscheinlich ein Unfall. Ka'len! Weder war sie eine besonders gute Schwimmerin, noch eine geübte Ruderin, weshalb sie einen Botenjungen angestellt hatte einmal wöchentlich für sie den Markt auf der Hauptinsel aufzusuchen und ihre Einkäufe zu erledigen. Womöglich hatte der Junge auf dem Heimweg getrödelt und war von den ersten kräftigen Wellen erwischt worden, deren Kraft einen Einbaum mühelos in zwei Hälften brechen konnten. Man hatte schon Leichen am Strand gefunden, bei denen jeder einzelne Knochen an mindestens drei Stellen gesplittert war. Hastig erhob sie sich, stellte Tasse und Datapad beiseite und eilte zum Eingang, wo sie nicht einmal das Display der Überwachungskamera überprüfte ehe sie die Tür entriegelte und öffnete… und sich schlagartig erinnerte, wofür sie die Sicherheitsanlage in erster Linie überhaupt installiert hatte. Aber ein Jahr in der gemütlichen Alltäglichkeit von Kaal hatte ihre Wachsamkeit fast vollständig schwinden lassen.

Auf ihrer kleinen Veranda, von Kopf bis Fuß durchnässt, den Kopf leicht zwischen die Schultern gezogen stand ein ihr völlig fremder, etwas ältere Mann mit schütterem Haar und blassem Gesicht, dessen Kleidung und auch Ethik eindeutig verrieten, dass er nicht zu den Einheimischen gehörte. Womöglich stammte er von der Hauptinsel, allerdings verfügte diese über eine gut ausgestattete und moderne medizinische Station, sowie sicherlich ein halbes Dutzend unangemeldeter Schwarzmarktskalpellschwinger, die für teures Geld keine Fragen stellten. Es war demnach kein Zufall, dass er ausgerechnet auf ihrer Schwelle stand – und entweder war sein Anliegen so dringend, dass es keinen Aufschub duldete, oder er war außerplanetarischer Besuch, der sich nicht mit den hiesigen Stürmen auskannte und sich aller Warnmeldungen zum Trotz aufs Wasser gewagt hatte. Er sah auf jeden Fall ordentlich durchgeschüttelt aus, trotzdem machte sie keine Anstalten ihn hinein zu bitten, sondern fragte nur ruhig: "Ja?"
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